Die Realität als manipulierbarer Rohstoff, nichts weiter…

Baden-BadenBaden-Baden

Am ersten Oktoberwochenende mache ich mich im schönsten Sonnenschein auf den Weg. Mit der Regiobahn sind es nur 20 Minuten vom Karlsruher Hauptbahnhof aus, und schon bin ich in einer komplett anderen Welt, im idyllischen Baden-Baden. Aber ich bin ja nicht zum Spaß hier, sondern für die Kunst!

Nachdem ich meine Sachen bei den Schließfächern im Untergeschoss des Museum Frieder Burda abgelegt habe, trete ich in den ersten großen Saal der Ausstellung, die sich insgesamt über 3 Stockwerke erstreckt. Burdas White Cube gibt den Prints den Raum, den sie brauchen: Großformatig und doch so kleinteilig laden sie ein, näherzutreten. Ich investiere in einen 4€-Audioguide, denn die hier passend zu den Bildern vorgelesenen Texte sind Stimmen der tagesaktuellen Presse, die Assoziationen wecken sollen (Profitipp: das schafft man auch selber, deshalb erst allein gucken und nachdenken und DANN lauschen).

Der Themenkomplex der Ausstellung ist groß wie die Fotografien selbst. Es geht um Konsum, Massenlandwirtschaft, Ein- und Auswanderung in Deutschland, Konsum, Mikro- und Makrokosmos, Konsum, unser Wirtschaftssystem, das auf den dünnen Schultern der Armen und Ausgebeuteten aufgebaut ist, Fußball und seine Homos, Konsum, IKEA. Wenn man so will das übergreifende Thema: der Mensch und Menschenmassen in einer Massenkultur, konsumierend, sei es als Teil einer inszenierten pjönjangschen Diktatorensause oder als Teil des Publikums der einzig wahren Madonna.

Andreas Gursky wird hier charakterisiert als „Chronist seiner Zeit“, als zeitgenössischer Künstler mit der Herangehensweise eines Historienmalers – riesige Formate, riesige Themen, unendlich viele Geschichten und sich nie erschöpfende Erzähllinien. Das Auge sieht sich nicht satt und erkennt immer Neues.

Fotografie selbst ist bildende Kunst und schon seit ihrer Anfänge nicht nur Abbild der Realität. Im Audioguide gibt es zu einigen Bildern auch Kommentare von Gursky selbst zur Bildfindung und der Entstehung der Werke. Dabei betont er seine künstlerische Freiheit, bei den Fotografien direkt einzugreifen: Ob er die Bilder nun bearbeitet in dem er wegretuschiert, hinzufügt, die Farben verstärkt oder ganze Sets für ein Foto aufbaut (wie beim Bild des Prada-Stores, wo Konsum zum Fetischismus erhoben wird, sagt der Audioguide). Gursky schätzt dabei den großen Einfluss und die Veränderung, die die Digitalisierung und die Digitale Bearbeitung ab den 1990er Jahren der Fotografie gebracht hat und macht sie sich zu eigen. Gursky hebt in seinen Bildern die Perspektive auf, indem er mehrere Teleobjektive übereinanderstapelt und die Ergebnisse zusammenfügt, bis sie aussehen, als wären sie in einer Aufnahme entstanden, dadurch erhält jedes Detail die gleiche Aufmerksamkeit, wie das Publikum des Madonna-Konzerts, dass durch mehrere Aufnahmen verdichtet wurde, und doch stehen die Personen dort für sich selbst, eine Aufnahme, die unendlich viele Geschichten erzählen kann.

Die Ausstellung ist ein Pflichttermin im Herbst/Winter 2015!

Museum Frieder BurdaDienstag-Sonntag 10-18h, Tickets für 12€, ermäßigt 10€, Studierende der Kunst und Kunstgeschichte 5€. Katalog 36€.


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