Das unerschöpfte Potential der sozialen Medien…

„Lass mal schnell noch ein Selfie machen,“ sagt eine Freundin als wir zu viert im Iimori, einem japanischen Restaurant in Frankfurt, brunchen. Der Saal ist voll und doch quetschen wir uns wie die Hennen auf die Bank und machen mit der Selfie-Cam ein Bild von uns. Genauer gesagt machen wir nicht nur ein Bild, sondern 20 und können trotzdem keines finden, das uns allen gefällt. So ist das nun heutzutage. Selfie hier, Selfie da. Und natürlich wird das Foto erst mal der kranken Freundin, die nicht dabei sein konnte, geschickt, um mit ihr diese Erinnerung zu teilen. Doch wir machen nicht stets Selfies in Restaurants, Bars oder Clubs und teilen diese nur mit unseren engsten Freunden. Bestimmt entstehen 80% unserer Selfies, wie auch bei mir, aus Langeweile oder wenn wir mal wieder glücklich vom Friseur heimkehren. Mit den engen Freunden teilen wir aber nur einen Bruchteil, der Rest wird ablehnend angesehen und in den Papierkorb verschoben. Doch Selfies teilen wir nicht nur mit unseren engen Freunden und der Familie, sondern über viele verschiedene Social-Media-Kanäle mit der ganzen Welt. Auf den weltweit öffentlichen Netzwerken werden aber natürlich nur die besten Selfies verbreitet. Wie zum Beispiel das Selfie mit der berühmten Sehenswürdigkeit aus dem letzten Urlaub oder das lang ersehnte Selfie mit Kim Kardashian. Hier stellt sich mir die Frage, ob das Selfie das neue Luxusauto, das Eigenheim und den Collie als Prestigeobjekt ablösen kann? Dies sei mal dahingestellt.

Man kann tatsächlich schon von einer Selfie-Mania sprechen, die immer mehr von vielen Firmen und Unternehmen als Sprachrohr und zur Kundenbindung genutzt wird. Auch Museen profitieren von dem Selfie-Wahn. Immer mehr Selfies entstehen vor berühmten Kunstwerken (#Museumselfie). Besonders beliebt scheint hier die Mona Lisa, wie uns das bereits Lea bei ihrem letzten Paris Aufenthalt bewies. (Auch Kulturtussi zählt „Gute Gründe für ein Museumsselfie“ auf). Museen scheinen nun endlich von diesem Selfie-Wahn überzeugt zu sein, versuchen diesen zu verstehen und für ihre Zwecke zu nutzen. Aktuell findet bis zum 31. Januar 2016 in der Karlsruher Kunsthalle die Ausstellung „Ich bin hier – Von Rembrandt zum Selfie“ (#iamhere) statt. Die Kunsthalle rief im Rahmen einer Blogerparade mit den Kulturkonsorten Blogger auf, sich mit dem Thema des Selfies zu beschäftigen.

Das Thema der Ausstellung und die damit zusammenhängende Forschung ist topaktuell. Kein Phänomen der letzten Jahre betrifft so viele Menschen auf der Welt wie dieses. Aus diesen Gründen ist es wohl eines der zeitgenössischsten Themen dieses Jahres und müsste viele Besucher anlocken, insbesondere die Jüngeren.

Doch ich habe mich gefragt, ist dieser zeitgemäße Gegenstand des Selfies auch in der Realität der Museen wiederzufinden? Wie nutzen Museen die Social Media zur Interaktion mit den Besuchern?

Schaut man sich die deutsche Museumslandschaft an, hat man das Gefühl, dass die Institutionen noch beim ISDN hängen geblieben sind und die sozialen Medien so spärlich Nutzen wie ein laktoseintoleranter Mensch Joghurt isst (Liebe Museen, wenn ihr euer Internet benutzt, bricht die Telefonleitung nicht ab. Ihr könnt dies heutzutage gleichzeitig tun!). Viele Kulturinstitutionen bemühen sich in verschiedenen Netzwerken wie Facebook, Instagram und Twitter präsent zu sein und diese regelmäßig mit Inhalten zu füllen. Allerdings bringt die Präsenz auf fünf unterschiedlichen Plattformen nichts, wenn ihr diese nicht publik macht. Erst im Rahmen meiner Recherchen für diesen Beitrag bin ich auf den Instagram-Account von der Kunsthalle Karlsruhe gestoßen. Liebe Kunsthalle: Ihr seid doch so fleißig auf Twitter, nutzt doch dort euer Netzwerk, damit noch mehr Menschen auf eure ästhetischen Instagram-Bilder stoßen. Bitte!

Dass viel Arbeit hinter der Pflege der unterschiedlichen Plattformen steht, ist mir als Bloggerin natürlich sehr bewusst. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass man an anderer Stelle etwas Zeit einsparen kann. Sobald die Non-Facebook-Generation ausstirbt, ist das Schreiben von Newslettern oder Einladungen per Post nicht mehr notwendig. Ich persönlich werde hauptsächlich über Facebook auf Veranstaltungen aufmerksam gemacht, sicher geht es hier dem Großteil meiner Generation so. Das Potential des Teilens auf Facebook, Instagram und Twitter ist enorm – schließlich spricht man so mit Sicherheit Publikum an, welches man mit Plakatierungen, Flyern oder einfachen Posts nicht erreichen würde. (Aus diesem Grund ist die Ausstellung der Kunsthalle Karlsruhe auch ein Mehrwert für ihre sozialen Kanäle). Die Rechnung ist einfach: mehr Follower = mehr Reichweite. Mehr Reichweite = mehr Besucher. Das bedeutet für euch: Macht mehr Facebook-Aktionen wie Gewinnspiele oder Rätsel. Facebook kann mehr, als nur exzessives Veranstaltungsteilen. Gebt euren Followern Gründe einen Beitrag zu liken. Persönlich finde ich den Facebook-Auftritt des Badischen Landesmuseums sehr schön. Zwar werden auch hier Veranstaltungen gepostet, was legitim ist, doch geben sie auch einen Einblick hinter die Kulissen und über die Weihnachtszeit wurde sogar ein Rätsel-Adventskalender veröffentlicht. Stichwort: Mehrwert.

Ende November fand in der Staatsgalerie Stuttgart ein Symposium zum Thema „Grenzen des Wachstums“ statt, in welchem kurz gesagt über die Zukunft der Museen diskutiert wurde. Die eine Seite befürwortete die Schließung von kleineren Museen, da ein Überangebot dieser vorhanden wäre und die staatlichen Gelder nicht reichen. Die andere Seite befürwortete die Erweiterung der Museen insbesondere in das Digitale (wer mehr lesen will: stuttgarter-zeitung.de). „Digital“ ist hier das Stichwort, denn in dieser Rubrik haben viele Museen noch keinen Fuß gesetzt, wieso sollte man da schon an Grenzen denken? Ähnlich ist es auch bei den sozialen Medien. Die Möglichkeiten stehen offen, man muss sie nur nutzen.

Anika Meier, freie Autorin für die Monopol und Bloggerin bei artefakt.de, schrieb in ihrem Blogeintrag „GIF me more“: „Es ist an der Zeit, dass sich die deutschen Museen und ihre Agenturen mit dem Status quo des Internets und der sozialen Medien befassen und nicht auch hier noch historisch arbeiten: Blogparaden, Tweet Ups, all das war einmal en vogue. Vor dem Jahr 2011. Also Budget umschichten, vielleicht ein paar Plakate weniger aufhängen, Stellen für die Digital Natives schaffen und sie die künftigen Besucher in den sozialen Netzwerken abholen lassen, wo sie sich den ganzen Tag aufhalten.“ (Quelle: monopol.de)

 

 


3 Gedanken zu “Das unerschöpfte Potential der sozialen Medien…

  1. Liebe Bloggerinnen,
    als Mitarbeiterin eines Satdtmuseums habe ich folgende Frage: Gibt es irgendwelche ernstzunehmende Studien, die die Behauptung, „Die Rechnung ist einfach: mehr Follower = mehr Reichweite. Mehr Reichweite = mehr Besucher.“ unterstützen? – Ich verstehe jetzt mal die Besucher als „echte“, die durchs Museum laufen…
    Danke und mit schönen Grüßen aus Frankfurt,
    Nina Gorgus

    Gefällt mir

    1. Liebe Frau Gorgus,
      vielen Dank zunächst für Ihr Interesse an der Thematik.
      Leider gibt es keine ernstzunehmende Studien, da wohl das große Interesse an diesem Thema noch nicht vorhanden zu sein scheint. Ich kann nur aus eigener praktischer sowie privater Erfahrung sprechen. Eine kleine Fotografie-Ausstellung, im Rahmen eines Seminars, haben wir zu 90% in den Social Media beworben. Die Vernissage war sehr gut besucht, wir mussten sogar einen Einlassstop bezwingen, da der Raum voll war. Außerdem ist auch so der SWR auf dieses Projekt gestoßen, was für ein so kleines Projekt nicht selbstverständlich ist.
      Auch aus meinem privaten Umfeld kann ich behaupten, dass man über soziale Medien auf eine Ausstellung oder Veranstaltung aufmerksam wird. Natürlich ersetzen diese nicht die Print-Werbung vollkommen, doch mit den sozialen Medien kann man insbesondere Personen außerhalb seiner Reichweite (Stadt/Region) erreichen. Ich persönlich bin schon des Öfteren über Facebook auf Veranstaltungen aufmerksam gemacht worden. Wahrscheinlich bin ich etwas mehr als andere am Museum interessiert. Doch bin ich aufmerksam auf eine Veranstaltung geworden, gebe ich meinen dortigen Bekannten stets über diese bescheid und nehme selbst weitere Wege auf mich, um an diese teilzunehmen.
      Natürlich ist nicht gleich jeder Follower ein Besucher. Aber über die sozialen Medien, bin ich der Meinung, kann man eine Beziehung zu den Besuchern aufbauen, die auf Dauer sich bestimmt auszahlen wird.
      Aber bei Print zählt man nicht anders. Pro 100 Flyer rechnet man mit einem Besucher.
      Meiner Meinung nach können Museen mit den sozialen Medien Randgruppen erreichen, welche Sie mit ihrer jetzigen Methode nicht erreichen können. Und das ist auch eine Aufgabe des Museums: Vermittlung.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s