Nächster Halt: Hamburger Bahnhof

Diese Überschrift, haha. Aber ich konnte nicht anders. In meinem letzten Post über unseren Berlin-Kurztrip hatte ich bereits angekündigt, den Besuch im Hamburger Bahnhof genauer zu beleuchten. Ich war zum ersten Mal dort und sehr gespannt auf das Museum, das mit etlichen Sonderausstellungen im Jahr von sich Reden macht.

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Wenn man das Museum betritt, steht man direkt in der großen Halle, die schon die ersten Blicke auf die Sonderausstellung freigibt. Derzeit bespielt die Amerikanerin Adrian Piper den Raum und stellt die Besucher*Innen vor Aussagen wie „I WILL ALWAYS BE TOO EXPENSIVE TO BUY“. Sie laden dazu ein, darüber nachzudenken, ob man diesem Ausspruch selbst treu sein könnte und wenn nicht, die Frage nach dem Warum aufzuwerfen. Beim Entscheidungsprozess werden die Besucher von gecoachten Freiwilligen unterstützt, die an goldenen Countern beratend zur Seite stehen. Wenn man überzeugt ist, einer Aussage voll und ganz zuzustimmen, gibt es die Möglichkeit, sich vertraglich zu verpflichten, bis zu seinem Tod bei dieser Meinung zu bleiben. Die Idee ist also, dass die Aussprüche und die vertragliche Bindung dahinter das restliche Leben von jedem von uns nachhaltig beeinflussen kann. Weitergedacht geht es um die Säulen des Zusammenlebens wie Vertrauen und Aufrichtigkeit – im Kleinen und auf die Gesellschaft bezogen. Wie würde sich unsere Welt verändern, könnten alle ohne Zweifel unterschreiben? Oder müssten es? Wäre die Welt ohne Lügen oder Ausflüchte wirklich besser? Oder was sagt es darüber aus, dass wir nicht bereit sind zu versprechen, nie mehr zu lügen? Gibt es überhaupt Dinge, denen man sich sein Leben lang verschreiben möchte oder sind wir zu unbeständig und ängstlich?

Mir persönlich ging es so, dass ich zu schüchtern war, mit den Leuten an den Countern in’s Gespräch zu kommen, konnte aber beobachten, dass sich viele Besucher*innen sehr angeregt und lange unterhielten und anschließend mit mindestens einem Vertrag in der Hand die Halle verließen. Ich hingegen wollte das lieber nicht, schließlich behandeln die Fragen direkt sehr persönliche Weltanschauungen und thematisieren Schwächen. Wer setzt sich schon gerne damit auseinander, dass es mit der Aufrichtigkeit in manchen Situationen gar nicht so einfach zu handhaben ist? Dass ich zu der Sorte Mensch gehöre, die nicht gern Entscheidungen trifft, die am besten auch noch das restliche Leben begleiten, wusste ich schon vorher, aber diese Ausstellung hat mir nicht zuletzt diesen Aspekt meines Charakters vor Augen geführt.

Nach der Ausstellung werden übrigens Listen veröffentlicht, wer bei welcher Aussage unterschrieben hat und ich bin wirklich gespannt darauf, welcher Ausspruch die meisten ‚Stimmen‘ hatte. Für diejenigen, die unterschrieben haben, gibt es dazu wohl die Möglichkeit, Kontakt mit „Mitstreitern“ aufzunehmen und sich zu bestärken oder mal kritisch nachzuhaken, wie es mit der Verpflichtung so läuft.

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Natürlich habe ich mir auch die Sammlungspräsentation in den Seitenflügeln angeschaut. Den Arbeiten von Joseph Beuys werden dort zwei große Bereiche  eingeräumt. Wie bei den meisten Beuys-Werken ist der Zugang zunächst sperrig, weil die ausgestellten Objekte selbst meistens nur Zeugnisse vergangener Aktionen darstellen, die ohne Erklärung erstmal schwer zu verstehen sind. Vorallem wenn man die Aktion zufällig nicht schon kennt und die Bezüge dann selbst spannen kann. Für alle anderen gibt es aber täglich kostenlose Führungen, die kurz, knackig und aufschlussreich sind. Ansonsten gibt’s Großformatiges von Big Playern der Pop Art und deutsche Zeitgenossen, wie Anselm Kiefer, zu sehen.

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Als wir dort waren, lief noch „Ernst Ludwig Kirchner: Hieroglyphen“ mit den ausgelagerten Werken aus der Nationalgalerie, die derzeit renoviert wird. Jetzt ist dort noch bis zum 17. September Rudolf Belling zu sehen, was mich extrem dazu verführt, wirklich schon sehr bald erneut nach Berlin zu fahren, weil Belling mir schon seit einigen Jahren immer im Hinterkopf für eine genauere Auseinandersetzung geblieben ist (Stichwort Masterarbeit, so langsam wird’s ja ernst).

 


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