documenta 14 – Wie war es wirklich?

Die d14 ist vorüber und jede von uns war vor Ort – sei es privat, wegen dem Studium oder wie so oft bei Ausstellungsbesuchen wegen irgendwas dazwischen. Hier auf dem Blog hat sich Jessy schon im Juni gefragt, wieso sich die Reise nach Kassel lohnt und was man sich erhoffen kann. Einen Monat später saßen wir dann irgendwo in der schwäbischen Provinz am Lagerfeuer und diskutierten diese Fragen. Jessy und ich waren schon vor Ort gewesen, für Klara und Lea stand der Besuch noch aus. Heute versuche ich – wiederrum einige Zeit später – unsere Gedanken zu sammeln und zu strukturieren, eine Aufgabe, die gerade zu dieser Ausgabe der documenta nicht so recht passen will.

Was haben wir uns von der documenta 14 erhofft?

Um eines unserer unterschiedlichen Eindrücke vorweg zu nehmen – mir ging es wie Jessy, die sagt, dass ihr vor allem ein Wort zur d14 einfällt: Enttäuschung. Im Vorfeld und Parallel zur documenta hat sie sich intensiv mit der Geschichte dieses Ausstellungsprojekts auseinander gesetzt und war sehr gespannt auf die diesjährige Ausgabe. Doch was so revolutionär bei Catherine David auf der dx angefangen hat und von Okwui Enwezor, Roger M. Buergel und Carolyn Christov-Bakargiev weitergesponnen wurde, fand bei Adam Szymczyk leider sein trauriges Ende. Ist es die Schuld des künstlerischen Leiters, dass die documenta 14 uns enttäuscht hat oder ist es allgemein der Zeit zuzusprechen, dass Kunst international „nichts Neues“ und wenig Beeindruckendes zu bieten hat? Was wäre das für ein Fazit? Viele Kunstwerke waren zwar gut gedacht, aber schlecht umgesetzt und/oder obendrein gar nicht vermittelt. Wie kann hier der Zugang gelingen? Die meisten Themen fand man in den unterschiedlichen Häusern immer wieder, aber reicht das, um die Probleme und Fragen der Welt darzulegen?

Die d14 wie ein gewaltiges Minenfeld gesellschaftlicher Fragen

Und so sehr ich mich in meinem Alltag darum bemühe, so „aware“ und „politisch korrekt“ wie möglich zu sein weil ich überzeugt bin, dass das unsere Kommunikation und Weltanschauung im 21. Jahrhundert maßgeblich formen sollte, beschlich mich spätestens am Nachmittag des zweiten Tages in Kassel ein gewisses Gefühl von Genervtheit. Themenfelder wie Migration, Rassismus oder Umwelt, alle einzeln für sich Hallenfüllend. Aufgereiht als Parkour durch die ganze Stadt. Hier ein Problem und da eine zu bewältigende Aufgabe. Dabei in meinen Augen das Schlimmste: Die Kunstwerke an sich dienten lediglich dazu, genau diese Problemfelder zu illustrieren. Meinem Empfinden nach ging es überhaupt nicht mehr um die Arbeiten an sich. Über allem schwebte das Damokles-Schwert des moralischen Fingerzeigs. Wer traut sich da noch, gut von schlecht zu unterscheiden und sich ein Urteil über die Konzeption zu erlauben, wenn über allem unverrückbar steht, dass wir in einer zerstörten Welt voller menschlicher Abgründe leben? Wenn euch das zu viel Pathos ist, kann ich das verstehen, mir war es das auch und das sehe ich auch als eines der Kernprobleme der d14.

Logistikzentrum Museum: Die Neue Neue Galerie

Lea blickt zwiegespalten auf ihren Besuch der documenta 14 zurück, kann sich aber am besten von uns an Positives erinnern. Besonders eindrücklich blieb dabei die Station „Neue Neue Galerie“ in Erinnerung: So unwohl wie dort hat sie sich seltenst bei einem „Museumsbesuch“ gefühlt – eine von Menschen durchströmte Halle, dunkel und hell zugleich, laut, unübersichtlich, Massenabfertigung. Mit ein wenig Abstand betrachtet scheint ihr jedoch das Konzept dieser einen besonderen Ausstellungsfläche doch sehr gelungen: Kann es dort erfahrbar gemacht werden, wie sich der Besucher im übertragenen Sinne in diesen Zeiten fühlt? Stichwort Flüchtlingskrise und Migration.

documentation und Partizipation

Viele der Werke, die Klara auf der d14 begeistert haben, hatten einen stark dokumentarischen Charakter und hatten trotzdem einen künstlerischen und ästhetischen Wert. Erwähnenswert findet sie beispielsweise die Videoinstallation von Mary Zygouri, die darin eine Performance aus dem Jahr 1979 wiederaufleben lässt, die die Niederschlagung eines kommunistischen Wiederstandes 1944 im Athener Arbeiterviertel Kokkinia thematisiert. Wie viele andere Werke auch spiegelt diese die Idee der d14 wieder: Es geht nicht allein um die aktuelle Flüchtlingskrise, sondern unsere aktuelle Gesellschaft und wie wir mit ihrer Geschichte umgehen. Indem das Kuratorenteam der d14 vor allem Künstler ausgewählt hat, die sich von verschiedenen Standpunkten aus mit Geschichtsbildung, Narrativen, Kolonialisierung, Flüchtlingsbewegungen, Kapitalismus, Umwelt und weiteren hochpolitischen Themen auseinandersetzen, schafft die d14 eine vielschichtige Ansicht unserer Gesellschaft.
Schade ist es natürlich, wenn man meint, wirklich zweitrangige Künstler ausstellen zu müssen, damit das Konzept aufgeht und aus möglichst eine Position aus jedem Winkel der Welt vertreten ist. Sehr befremdlich erscheint in dieser Hinsicht das Werk Guillermo Galindos, der Wrackteile von Flüchtlingsbooten zu Musikinstrumenten umgebaut hat – das ist vor allem traurig, weil es nach Aufmerksamkeit schreit, die künstlerische Intention dahinter ist Klara jedoch bis jetzt nicht klar.

Wirklich gut hat uns aber gefallen, dass in vielen Arbeiten das Publikum – sofern es sich darauf einlassen wollte (oder vielleicht dank Vorwissen konnte) – stark einbezogen wurde und immer wieder mit Fragen konfrontiert wurde, die man weder sofort, noch nach langen Diskussionen beantworten kann. Und zumindest darin erkennen wir eine wirkliche Qualität der d14, die zeigt, dass Kunst (oder zumindest das, was als Kunst ausgestellt wurde) wirklich viel vermitteln und aufrütteln kann.

Die alles entscheidende Frage bleibt: Ist das jetzt Kunst…

Doch weg von dem gesellschaftskritischen und hochbrisanten Politischen. Denn wie bei jeder zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Kunst hört man irgendwann Gesprächsfetzen, die so oder so ähnlich lauten: „Und das soll jetzt Kunst sein?“ – „Ja, es scheint wohl so, sonst würde es nicht ausgestellt werden.“ – „Naja, ist zwar schön anzusehen, aber so richtig verstehen kann man es ja nicht.“ Solche Kommentare, zusammen mit der Massenabfertigung, langes Schlange stehen quer durch ganz Kassel inklusive, spiegelt im übertragenen Sinne sehr gut die Gefühlslage, unsere Überforderung und die Konfrotation mit dem Neuen und Unbekannten wieder.

Was ist uns trotz der Reizüberflutung noch klar positiv in Erinnerung geblieben? Lea springt für ihre/n Favorit/in in die Bresche: Lorenza Böttner. In der Neuen Galerie waren auf den ersten Blick nur kleinere Zeichnungen, Fotografien und Skizzen zu finden. Ein Stockwerk darüber jedoch strahlte sein/ihr Konterfeit in voller Pracht und mit einem beneidenswerten Glanz den Besuchern entgegen, einer Konfrontation mit dem/der Künstler/in konnte man sich nicht entziehen. Ihre/Seine Lebensgeschichte und der Mut, die Kraft und der Wille, mit welchem sie/er ihre Wünsche und ihre Ziele erreicht hat, hat Lea tief berührt. Und um diese Wirkung soll es in der bildenen Kunst ja auch gehen. Am besten ohne erhobenen Zeigefinger.

… oder vielleicht ein Experiment?

Zuguterletzt hat Klara noch so eine vage Idee: Alles in allem erscheint ihr die d14 wie Adam Szymczyks Labor zur Durchführung kleiner und großer gesellschaftlicher Experimente. Indem er Fragen aufwirft, aber auch indem er offensichtlich die Grenzen der Kunstwelt überschreitet. Bei vielen der d14-Werken handelte es sich um ortsspezifische Installationen, Performances oder Werke, die sich auf andere Weise dem Kunstmarkt entziehen. Darüber hinaus war es vielen durch die Aufsplitterung der d14 auf Kassel und Athen nicht möglich, sich alles anzuschauen, lange Schlangen vor den großen Schauplätzen aber auch beispielsweise im Palais Bellevue haben es selbst in Kassel nahezu unmöglich gemacht, alles anzusehen – und dann zum Beispiel auch noch das Parlament der Körper, das im Herzen des Fridericianums nur selten getagt und wenigen Menschen den Zutritt erlaubt hat. Es schien in erster Linie also gar nicht darum zu gehen, der ganzen Welt die Kunst von heute zu zeigen, sondern in verhältnismäßig kleinen exemplarischen Situationen auszutesten, was in der Kunstwelt möglich ist und wohin sie sich bewegen könnte.

Eines steht fest: Wer lieber Kunst sehen will, die Spaß macht ist auf der Biennale di Venezia besser aufgehoben. Die 57. findet in diesem Jahr unter dem Thema Viva Arte Viva statt und kann bis zum 26. November besucht werden.


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